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Eiko Bleicher Interview “20 Fragen” mit Eiko Bleicher (Autor von Freezer) Deutsche Version

 

Das Interview wurde von Christopher Conkie, Michael Diosi

Hallo Eiko. Vielen Dank für Deine Einwilligung diese Fragen zu beantworten.

Frage 1.

Hallo Eiko. Seit fast einem Jahr gibt es offiziell Dein Programm Freezer zu kaufen. Kannst Du kurz zusammen fassen, worum es beim Freezer geht ?

Ja gerne. Der Freezer ist ein Tool, um bestimmte Arten von Endspielen wasserdicht analysieren zu können. Kurz gesagt können damit komplette Endspieldatenbanken selber erzeugt werden, ähnlich den Nalimov Tablebases.

Frage 2.

Tablebases sind ein gutes Stichwort. Bisher gibt es einerseits die normalen Spielprogramme wie Fritz und Shredder, und die Datenbanken andererseits. Wie ordnet sich der Freezer da ein ?

Die herkömmliche Analyse in Schachprogrammen basiert auf Bewertungen, die - wenn es nicht gerade eine Matt-Stellung ist - natürlich auch Fehler enthält. Endspieldatenbanken hingegen enthalten die Wahrheit schlecht hin; die Nalimov Tablebases beispielsweise enthalten die Anzahl der Züge bis zum Matt. So schön die Tablebases auch sind, haben sie doch einen gewaltigen Nachteil: Sie sind riesengroß. Während die 4-Steiner noch mit ca. 30 MB auskommen, braucht man für alle 5-Steiner schon 7 GB, was heute sicherlich kein großes Problem mehr darstellt. Aber die 6-Steiner liegen mit geschätzten 1,5 Terabyte für die meisten Schachspieler jenseits von Gut und Böse. Und hier kommt der Freezer ins Spiel. Anstatt Datenbanken zu erzeugen, die riesig sind und unzählige Stellungen enthalten, die für eine bestimmte Analyse einfach uninteressant sind, kann man hier nur "Teildatenbanken" erstellen. Damit können also bestimmte Endspiele gelöst werden, die vorher praktisch unerreichbar waren.

Frage 3.

Kann man denn einfach Stellungen weglassen ?

Nehmen wir ein klassisches Endspiel: König, Turm und Bauer gegen König, Springer und Bauer. Die Bauern seien jetzt mal blockiert, also z. B. auf d4 und d5. Die herkömmlichen Tablebases dafür würden alle Stellungen mit diesen Figuren enthalten, also auch insbesondere jene, die niemals erreichbar sind. Dies sind hier sämtliche anderen Bauernstellungen; wenn man sie zählt, so kommt man auf 1560 mögliche Stellungen der zwei Bauern. Das, was der Freezer erzeugt, ist also nur ein Bruchteil dessen, wie eine "allgemeine" Tablebase. In diesem Fall gewinnt man also die gleichen Informationen und betrachtet dabei nur einen winzigen Ausschnitt.

Frage 4.

Das heißt, das Prinzip des Freezers basiert auf solchen Einschränkungen ?

Exakt. Durch die Beschränkung von Steinen auf bestimmte Felder können große Probleme kleingekocht werden. Natürlich kann man damit nicht beliebig große Endspiele lösen, aber man kommt bei einigen Stellungstypen doch gut über die Tablebases hinaus.

Frage 5.

Wie viele Figuren kann man denn mit dem Freezer noch lösen ? Und wie lange muss man dann auf ein Ergebnis warten ?

Das kann man so pauschal schwer beantworten. Je festgefahrener die Stellung ist (z. B. durch blockierte Bauern), desto eher kann man das Problem knacken. Das Hauptproblem dabei sind die vielen Abspiele, die sich durch Figurenschlagen und Bauernumwandlung ergeben können. Dafür muss man dem Freezer vorher mitteilen, wie solche Stellungen einzuschätzen sind. Wir haben schon viele 6- und 7-Steiner lösen können, und in Extremfällen auch schon mal mit über 15 Steinen, dies waren dann aber eher spezielle Problemschachaufgaben. Der Schwerpunkt liegt bei 6 bis 8 Steinen. Aber selbst, wenn es nicht gelingt, ein exaktes Ergebnis zu bekommen, so findet man häufig gute Anhaltspunkte, in welche Richtung die Analyse zu lenken ist.

Frage 6.

Schach wird ja vorwärts gespielt: Von der Eröffnung über das Mittelspiel zum Endspiel bis zum Matt oder Remis. Schachprogramme rechnen auch vorwärts. Warum arbeitet Dein Programm rückwärts ?

In der Tat wird Schach vorwärts gespielt, und man könnte das Spiel theoretisch ja auch vorwärts lösen, wie es z. B. spezialisierte Matt-Löser tun. Für den generellen Einsatz in Endspielen hat sich die Rückwärtsanalyse jedoch als praktikabler herausgestellt. Das funktioniert einfach ausgedrückt so: Man sucht erst alle Mattstellungen, spult dann einen Halbzug zurück und erhält dann die Matt-in-1 Positionen. Spult man dann wieder einen Halbzug zurück, erhält man die Kandidaten für den nächstlängeren Verlust etc. Dies wird dann solange durchgeführt, bis keine weiteren Stellungen mehr als Gewinn oder Verlust markiert werden können - der Rest bildet dann die Remispositionen. Das Problem bei der Vorwärtssuche sind die unbestimmt breiten und tiefen Suchbäume, die in der Rückwärtsgenerierung einfach umgangen werden.

Frage 7.

Das ganze Konzept ist ja doch noch recht neu. Wie kam es eigentlich zum Freezer ?

Die Idee entstand zusammen mit Prof. Ingo Althöfer. Nach meinem Informatik-Studium machte ich mich auf die Suche nach Möglichkeiten, in dem Bereich Computerschach meine Dissertation zu schreiben. Und dort stößt man ziemlich schnell auf Ingo Althöfer, und nach einigen Gesprächen mit ihm war die grobe Richtung festgelegt. Aus diesen ganzen Überlegungen entstand dann der Freezer.

Frage 8.

Jetzt eine Frage, die sich sicherlich schon viele gestellt haben: Warum heißt der Freezer "Freezer" ?

Das Prinzip, Figuren einzuschränken, lässt sich umgangssprachlich auch als Festfrieren der Figuren bezeichnen. Und weil "Frierer" auf englisch viel besser klingt, heißt das Programm jetzt "Freezer".

Frage 9.

Kannst Du uns mal eine Stellung zeigen, die verdeutlicht, was der Freezer macht ?

Zum Einstieg zeige ich gerne einen Stellungstyp, der sich besonders gut für den Freezer eignet: eine Festung. Das Beispiel ist nicht ganz neu, aber es zeigt sehr gut die Wirkungsweise des Programms. Es geht um die folgende Stellung:

 Chess Problem Discussion Board Chess Diagram
8/6k1/6p1/8/q7/4R3/5PK1/8 b - - 0 1

Die Frage, die sich hier stellt, ist: Kann Weiß Remis halten, oder wird er verlieren? Herkömmlichen Spielprogramme zeigen hier eine klare Gewinnwertung für Schwarz. Sie verstehen einfach nicht, dass Weiß hier eine Festung aufgebaut hat, wo der weiße Bauer nicht ziehen wird und der Turm nur pendelt. Doch auf für Menschen ist es nicht einfach, zu durchblicken, ob die Verteidigungsidee wirklich trägt, oder ob es doch ein Eindringen von Schwarz gibt, was zum Verlust führt. Mit dem Freezer kann man dies nun einfach zeigen. Der weiße Bauer wird auf seinem Feld (f2) festgefroren, er soll nicht ziehen. Die korrekten Werte für Schlagfälle kann Freezer beispielsweise aus den 5-Steiner-Nalimov-Tablebases bekommen. Damit kann das Programm loslegen und eine komplette Datenbank erstellen. Die ist in diesem Fall recht klein, und nach kurzer Zeit erhält man das Ergebnis: Die Stellung ist tatsächlich Remis. Beachtenswert ist dabei, dass - wenn man nun durch die Lösung spielt, nicht nach jedem Zug neu rechnen muss, sondern alle Werte schon in der Datenbank enthalten sind.

Frage 10.

Ist die Forschung damit auf dem Gebiet zu Ende? Was haben wir noch zu erwarten ? Wird es eine Fortsetzung geben ?

An guten Ideen hapert es nicht, vielmehr an der Zeit. Der Freezer wird kein Programm sein, dass es plötzlich nicht mehr gibt. Es wird stetig weiterentwickelt, und auch wenn Freezer 2 noch sehr weit entfernt ist, so ist er doch fest geplant. Stichpunkte auf der Liste sind beispielsweite mehr Automatisierung, noch komplexere Probleme, eine überarbeitete GUI... Wenn es denn mal soweit sein wird, wird es für bestehende Kunden selbstverständlich eine Update-Möglichkeit geben.

Frage 11.

Wie kamst Du überhaupt auf die Idee, irgendwas mit Computerschach zu machen ?

Ich spiele schon recht lange aktiv Schach und bin seit rund 15 Jahren im Schachverein. Auch wenn ich dort nicht mehr allzuviel Ehrgeiz habe, viel stärker zu werden, ist man dem Sport trotzdem verbunden. Und das Thema Endspiele finde ich dort auch besonders spannend; es konnte also eigentlich gar nicht anders kommen. Interessanterweise fing meine Schachbegeisterung mit einem kleinen Schachcomputer an, den ich als Tauschobjekt von einem Freund bekam, der sich im Gegenzug einen Stapel Comics aussuchte. Seit einiger Zeit spiele ich auch Fernschach, wo tiefe Analysen natürlich unerlässlich sind.

Frage 12.

Haben Deine Schachpartien Einfluss auf die Entwicklung des Freezers genommen ?

Nein, dazu spiele ich nicht ernsthaft genug. Andersrum hat die Arbeit am Freezer aber bestimmt meine Schachpartien beeinflusst. Öfters ertappe ich mich dabei, in bestimmte Endspieltypen einzulenken, die geeignet für eine Analyse mit dem Freezer sind. So konnte ich beispielsweise in einer Fernschachpartie in verschiedenen Varianten Erkenntnisse mit dem Freezer gewinnen, dass meine Position objektiv verloren war. Ungenaue Züge des Gegners hätte ich damit schnell entlarven können, leider blieben sie in dieser Partie jedoch aus.

Frage 13.

Wo Du gerade Fernschach ansprichst. Sind Fernschachspieler eine Zielgruppe für den Freezer ?

Das Programm ist für den ambitionierten Vereinsspieler, Fernschachspieler, Studien- und Problemkomponisten natürlich besonders interessant, sowie für alle Spieler, die Endspiele auf neue Art und Weise untersuchen möchten.

Frage 14.

In dem Zusammenhang fällt auch häufig der Name Dr. Karsten Müller. Welche Rolle spielt er bei der Entwicklung des Programms ?

Karsten Müller ist sicherlich einer der ganz großen Endspiel-Gurus. Besonders beeindruckend sind seine Endspielbücher, die einerseits lesbar sind und nicht nur in Varianten versinken, und anderseits wissenschaftlich und akkurat mit dem Thema umgehen. Er steuert gute Vorschläge bei und testet neue Features.

Frage 15.

Konntest Du schon Fehler in seinen Werken nachweisen ?

Nein, er arbeitet wohl zu gründlich :-). Wenn man allerdings den Chéron zur Hand nimmt, eins der Standardwerke zum Thema Endspiel, dann kann man mit Hilfe des Freezers doch etliche gravierende Fehler nachweisen. Teilweise wird im angegebenen Lösungsverlauf mehrmals der (halbe) Punkt an den Gegner verschenkt. Das soll natürlich in keiner Weise die großartige Leistung des Autors mindern, aber neue Techniken bringen halt doch neue Einblicke und präzisere Analysen.

Frage 16.

Apropos neue Technik... an was arbeitest Du denn, wenn Du Dich gerade nicht um den Freezer kümmerst?

Als selbstständiger Softwareentwickler und Webmaster arbeite ich an verschiedenen Projekten. Beispielsweise habe ich an der Mac/Linux-GUI für Shredder von Stefan Meyer-Kahlen mitgearbeitet. Die Online-Abfrage der Nalimov-Tablebases und der Eröffnungsbücher auf http://www.shredderchess.com haben wir vor kurzem online gestellt, und man darf noch auf viele weitere interessante und erfolgversprechende gemeinsame Projekte gespannt sein. Langeweile wird so schnell gewiss nicht aufkommen.

Frage 17.

Gibt es den Überlegungen, den Freezer unter die Shredder-GUI einzubinden ?

Nein. Der Freezer hat mit einem "normalen" Schachprogramm zu wenig gemeinsam, als dass es wirklich sinnvoll wäre, ihn unter einer klassischen GUI einzubinden. Die Programme ergänzen sich, aber es gibt praktisch keine Überlappungen bei den Funktionen.

Frage 18.

Schach ist also überall bei Dir - am Brett, beim Freezer, Fernschach, und bei Deinen anderen Projekten. Wie sieht denn die Erholung aus, wenn Du nur noch karierte Bretter siehst ?

Das klingt wie die Frage nach den Hobbys im Poesiealbum. Ich mache viel Fitnesssport, koche und backe sehr gerne. Ein großes Hobby ist die Fotografie, was allerdings im Moment leider oft viel zu kurz kommt.

Frage 19.

Welche Websites empfiehlst Du zum Thema Endspiele?

Zur Abfrage der Nalimov-Tablebases kann ich meine eigene Seite empfehlen http://www.k4it.de/index.php?topic=egtb. In etwas anderem Layout ist die Abfage auch unter http://www.shredderchess.com möglich im Bereich "Online". Sehr lesenswert wie ich finde ist die Seite http://www.chesscafe.com, wo auch Dr. Karsten Müller Endspielkolumnen schreibt. Die Homepage von "Die Schwalbe" http://www.dieschwalbe.de bietet auch einen großen Linkbereich für Problemschachfreunde. Natürlich sollte man die Freezerhomepage http://www.freezerchess.com nicht verpassen.

Frage 20.

Gibt's noch etwas, was Du unbedingt loswerden möchtest ?

Ja, ich möchte meiner Freundin und meinem näheren Umfeld für die Geduld danken, die sie aufbringen müssen, wenn ich sie wieder mit tollen Feautures und abstrusen Datenstrukturen beriesele. An dieser Stelle herzlichen Dank.

Dann vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg mit dem Freezer.


Die Freezer Seite kann man hier aufrufen http://www.freezerchess.com
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